Es gibt Rezepte, die macht man einmal und vergisst sie wieder. Und dann gibt es jene besonderen Rezepte, die einen über viele Jahre begleiten und mit Erinnerungen verbunden sind. Dieser hausgemachte Erdbeerlikör gehört für mich ganz eindeutig zur zweiten Kategorie. Jedes Jahr, wenn die Erdbeersaison beginnt und die ersten roten Früchte auf den Märkten erscheinen, denke ich automatisch an meine Mutter und an die Sommer meiner Kindheit zurück.
Damals gab es bei uns einen kleinen Garten hinter dem Haus. Er war nicht besonders groß, aber für mich als Kind fühlte er sich riesig an. Zwischen Johannisbeersträuchern, Kräutern und einigen Obstbäumen befanden sich auch mehrere Erdbeerbeete. Sobald die Sonne im Juni kräftiger wurde, verwandelten sich die Pflanzen innerhalb weniger Tage in ein rotes Meer aus reifen Früchten. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mit einer kleinen Schüssel zwischen den Reihen saß und mehr Erdbeeren direkt aß, als tatsächlich in der Schüssel landeten.
Meine Mutter hatte damals ein Problem, das wahrscheinlich viele Gartenbesitzer kennen. Die Erdbeeren wurden oft gleichzeitig reif. Natürlich machten wir Marmelade, backten Kuchen und froren einen Teil ein. Trotzdem blieben am Ende immer noch genügend Früchte übrig. Eines Tages brachte eine Nachbarin eine Glasflasche mit einem tiefroten Getränk vorbei. Sie stellte sie auf den Tisch und sagte lächelnd: „Probiert das mal. Das ist mein Erdbeerlikör.“
Bis dahin hatte ich nie darüber nachgedacht, dass man aus Erdbeeren auch Likör herstellen kann. Für mich gehörten Erdbeeren zu Kuchen, Eis oder Dessert. Doch die Erwachsenen waren begeistert. Die Flasche war schneller leer, als meine Mutter erwartet hatte. Noch am selben Abend notierte sie sich das Rezept auf einem kleinen Zettel. Dieser Zettel liegt übrigens heute noch in meiner Rezeptschublade.
Im Laufe der Jahre wurde daraus eine kleine Tradition. Immer wenn die Erdbeersaison ihren Höhepunkt erreichte, wurde ein großer Topf hervorgeholt und mehrere Flaschen Likör vorbereitet. Der Duft, der dabei durch die Küche zog, war unverwechselbar. Süße Erdbeeren, ein Hauch Vanille und später das feine Aroma des Rums. Schon während der Zubereitung wusste man, dass etwas Besonderes entsteht.
Heute mache ich diesen Likör noch immer jedes Jahr. Nicht weil er kompliziert wäre oder besonders viele Zutaten benötigt. Ganz im Gegenteil. Gerade seine Einfachheit macht ihn so beliebt. Mit wenigen Zutaten entsteht ein fruchtiger Likör, der wunderbar nach Sommer schmeckt. Außerdem eignet er sich hervorragend als Geschenk. Mehr als einmal habe ich Freunden zu Weihnachten oder Geburtstagen eine selbst gefüllte Flasche mitgebracht. Die Reaktion ist fast immer dieselbe: Überraschung, gefolgt von der Frage nach dem Rezept.
Besonders schön finde ich, dass dieser Likör so vielseitig ist. Manche genießen ihn pur in einem kleinen Glas. Andere geben ihn über Vanilleeis, verwenden ihn für Desserts oder verfeinern damit Kuchen und Cremes. Selbst ein einfacher Pudding bekommt dadurch eine besondere Note. Bei Familienfeiern steht fast immer eine Flasche auf dem Tisch, und erstaunlicherweise findet sich immer jemand, der noch ein zweites Glas probieren möchte.
Was ich außerdem liebe, ist die Tatsache, dass dieser Likör Erinnerungen bewahrt. Jedes Mal, wenn ich die Erdbeeren wasche und den großen Topf auf den Herd stelle, fühle ich mich für einen Moment wieder wie das Kind im Garten meiner Eltern. Es ist erstaunlich, wie stark Gerüche und Geschmäcker mit Erinnerungen verbunden sein können.
Natürlich habe ich im Laufe der Jahre auch andere Varianten ausprobiert. Brombeeren, Himbeeren, Johannisbeeren und sogar Zwetschgen. Viele davon schmecken hervorragend. Trotzdem komme ich immer wieder zu den Erdbeeren zurück. Vielleicht liegt es daran, dass sie für mich den Sommer symbolisieren wie keine andere Frucht.
Zutaten
Für mehrere Flaschen Erdbeerlikör benötigen Sie:
1.750 g Erdbeeren (frisch oder tiefgekühlt)
500 g Zucker
5 Päckchen Vanillezucker
700 ml Rum (54 %)
1 bis 1,5 Liter Wasser