Als ich die Klettenwurzel zum ersten Mal bewusst sah, hätte ich niemals vermutet, dass sich hinter dieser unscheinbaren, braunen Wurzel eine so lange Geschichte verbirgt. Sie lag auf einem Marktstand zwischen Ingwer, Meerrettich und verschiedenen getrockneten Kräutern. Die Verkäuferin erzählte mir, dass ihre Familie daraus früher Tee gekocht und die junge Wurzel ähnlich wie Gemüse zubereitet habe.
Bis dahin kannte ich die Klette hauptsächlich wegen ihrer kleinen, haftenden Früchte, die nach einem Spaziergang manchmal an Kleidung oder Tierfell hängen bleiben. Dass ihre Wurzel in Teilen Europas und Asiens seit Jahrhunderten als Lebensmittel und in der traditionellen Pflanzenkunde verwendet wird, war mir neu.
Zu Hause begann ich, mehr darüber zu lesen. Dabei stieß ich allerdings auch auf spektakuläre Überschriften, nach denen Klettenwurzel Krebszellen vernichten oder sogar stärker als eine Chemotherapie sein soll. Solche Aussagen klingen beeindruckend, sind aber nicht durch zuverlässige klinische Studien am Menschen belegt. Eine Krebsbehandlung darf deshalb niemals durch Klettenwurzel, Tee oder andere pflanzliche Mittel ersetzt oder unterbrochen werden. Das Memorial Sloan Kettering Cancer Center stellt ausdrücklich fest, dass es keine ausreichenden Belege für Klettenwurzel als Behandlung gegen Krebs, Infektionen oder Diabetes gibt. Auch Cancer Research UK weist darauf hin, dass pflanzliche Heilmittel bisher nicht zuverlässig als Behandlung oder Heilung von Krebs beim Menschen nachgewiesen wurden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Pflanze vollkommen uninteressant ist. Klettenwurzel ist ein traditionelles Lebensmittel, enthält Ballaststoffe und verschiedene Pflanzenstoffe und wird weiterhin wissenschaftlich untersucht. Entscheidend ist, zwischen einer interessanten Pflanze und einem angeblichen Wundermittel zu unterscheiden.
Was ist Klettenwurzel eigentlich?
Die Große Klette trägt den botanischen Namen Arctium lappa. Sie gehört zur Familie der Korbblütler und wächst in vielen Teilen Europas und Asiens. Besonders auffällig sind ihre großen Blätter und die kugelförmigen Kletten, die sich mit kleinen Widerhaken an Kleidung und Fell festsetzen.
Unter der Erde entwickelt die Pflanze eine lange, feste Wurzel. In Japan ist sie unter dem Namen „Gobo“ bekannt und wird beispielsweise in Suppen, Pfannengerichten und eingelegten Speisen verwendet. Ihr Geschmack ist leicht erdig, mild süßlich und erinnert teilweise an Schwarzwurzel.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt Klettenwurzel als traditionelles pflanzliches Produkt unter anderem im Zusammenhang mit vorübergehendem Appetitverlust, leichten Hautbeschwerden und einer erhöhten Harnmenge zur Unterstützung bei kleineren Harnwegsbeschwerden. Diese traditionellen Anwendungsgebiete sind jedoch nicht mit einem Nachweis gleichzusetzen, dass die Pflanze schwere Erkrankungen behandeln kann.
Welche Inhaltsstoffe machen die Wurzel interessant?
Klettenwurzel enthält unter anderem Ballaststoffe, darunter Inulin, sowie verschiedene phenolische Pflanzenstoffe. In Labor- und Tierstudien wurden Bestandteile wie Arctigenin auf antioxidative, entzündungsbezogene und andere biologische Wirkungen untersucht.
Einige Versuche mit Zellkulturen zeigen, dass bestimmte isolierte Bestandteile das Wachstum einzelner Krebszelllinien beeinflussen können. Das ist jedoch kein Beleg dafür, dass der Verzehr der Wurzel oder das Trinken eines Tees Krebs beim Menschen behandelt. Zwischen einer Wirkung im Reagenzglas und einer sicheren, wirksamen Therapie liegen umfangreiche klinische Prüfungen.
Viele Stoffe können unter Laborbedingungen Zellen verändern. Erst kontrollierte Studien müssen zeigen, welche Dosis beim Menschen wirkt, ob sie den richtigen Körperbereich erreicht und ob sie dabei sicher ist. Für Klettenwurzel als Krebstherapie fehlen solche überzeugenden menschlichen Daten bislang.
Kann Klettenwurzel den Körper „entgiften“?
Der Begriff „Entgiftung“ wird bei pflanzlichen Produkten häufig verwendet, ist aber meist ungenau. Leber, Nieren, Darm und Lunge übernehmen ständig die Verarbeitung und Ausscheidung verschiedener Stoffe. Ein Tee spült nicht einfach Ablagerungen oder unbekannte „Gifte“ aus dem Körper.
Klettenwurzel wird traditionell als leicht harntreibendes Pflanzenprodukt verwendet. Eine erhöhte Urinmenge ist jedoch nicht dasselbe wie eine medizinische Entgiftung. Wer Nieren-, Herz- oder Flüssigkeitshaushaltsprobleme hat, sollte harntreibende Produkte nicht ohne ärztlichen Rat einsetzen.
Kann sie die Verdauung unterstützen?
Als essbare Wurzel liefert Klette Ballaststoffe. Inulin gehört zu den präbiotischen Ballaststoffen und dient bestimmten Darmbakterien als Nahrung. Eine ballaststoffreiche Ernährung kann grundsätzlich eine normale Verdauung unterstützen.
Bei empfindlichen Menschen können größere Mengen Inulin allerdings Blähungen, Bauchdruck oder Durchfall auslösen. Deshalb ist es sinnvoll, mit einer kleinen Portion zu beginnen und zu beobachten, wie der Körper reagiert.
Klettenwurzel „reinigt“ den Darm nicht wie eine Bürste. Sie kann lediglich als ballaststoffreiches Lebensmittel Teil einer abwechslungsreichen Ernährung sein.
Einfacher Klettenwurzeltee
Für einen milden Tee wird normalerweise getrocknete, eindeutig bestimmte Klettenwurzel verwendet. Wild gesammelte Wurzeln bergen Verwechslungs- und Verunreinigungsrisiken, weshalb Produkte aus einer seriösen Quelle sinnvoller sind.
Zutaten
1 TL getrocknete Klettenwurzel
250 ml Wasser
Optional etwas Zitronensaft
Optional wenig Honig
Zubereitung