Es gibt Fotos von mir, die ich früher sofort gelöscht hätte. Wenn Freunde oder Verwandte Bilder von Geburtstagen oder Familienfeiern in die WhatsApp-Gruppe schickten, schaute ich zuerst danach, ob ich irgendwo im Hintergrund zu sehen war. War das der Fall, hoffte ich jedes Mal, dass niemand genauer hinschauen würde.
Heute kann ich diese Bilder ansehen, ohne mich schlecht zu fühlen. Nicht, weil ich perfekt geworden bin. Sondern weil sie mich daran erinnern, wie weit ich gekommen bin.
Ich heiße Sabine, bin 43 Jahre alt und komme aus Niedersachsen. Viele Jahre glaubte ich, dass mein Übergewicht einfach zu mir gehört. Nach zwei Schwangerschaften, einem stressigen Bürojob und ständigem Zeitmangel schob ich alles auf das Alter, die Gene oder meinen Alltag. Tief im Inneren wusste ich aber, dass das nur Ausreden waren, um nichts verändern zu müssen.
Früher begann fast jeder Montag gleich. Ich nahm mir vor, diesmal alles richtig zu machen. Morgens gab es ein gesundes Frühstück, mittags einen Salat und abends war ich so erschöpft, dass ich doch wieder zur Tiefkühlpizza griff. Zwei oder drei Tage hielt ich durch, danach war jede Motivation verschwunden.
Mit jedem gescheiterten Versuch wurde ich unsicherer. Ich kaufte nur noch dunkle Kleidung, vermied Einkaufsbummel mit Freundinnen und stellte mich bei Gruppenfotos grundsätzlich in die letzte Reihe. Wenn meine Kinder mich fragten, warum ich nie mit ihnen ins Schwimmbad wollte, fand ich immer eine Ausrede. In Wahrheit schämte ich mich einfach.
Der Wendepunkt kam völlig unerwartet.
Im vergangenen Sommer feierten wir den Geburtstag meines Vaters. Wie immer machte jemand unzählige Fotos. Einige Tage später schickte meine Schwester die Bilder in unsere Familiengruppe. Beim Durchscrollen blieb ich plötzlich an einem Bild hängen.
Dort stand ich lachend mit meinen Kindern in der Küche. Zum ersten Mal sah ich mich so, wie andere mich vermutlich jeden Tag sahen. Ich erkannte mich selbst kaum wieder.
An diesem Abend saß ich lange allein auf dem Sofa. Nicht, weil ich mich hasste. Sondern weil ich traurig war. Ich hatte mich über Jahre hinweg immer weiter zurückgezogen und mich damit abgefunden, dass mein Körper eben so sei.