Wer schon einmal in Japan war oder sich für die dortige Lebensweise interessiert, weiß, dass viele alltägliche Gewohnheiten erstaunlich einfach wirken. Während in anderen Ländern morgens oft hektisch ein Kaffee getrunken und schnell etwas Süßes gegessen wird, beginnt der Tag für viele Japaner deutlich ruhiger. Kleine Rituale, bewusstes Essen und einfache Lebensmittel gehören dort seit Generationen zum Alltag. Genau diese scheinbar unspektakulären Gewohnheiten sorgen immer wieder für Aufmerksamkeit, denn Japan zählt seit Jahren zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung der Welt. Wissenschaftler führen diesen Umstand zwar auf viele verschiedene Faktoren zurück – darunter Bewegung, Ernährung, soziale Kontakte und das Gesundheitssystem –, dennoch interessieren sich immer mehr Menschen für die kleinen Routinen, die den Alltag vieler Japaner prägen.
Vor einigen Monaten erzählte mir eine Bekannte von einer Reise nach Japan. Was sie dort am meisten überraschte, waren nicht die Sehenswürdigkeiten oder die modernen Städte, sondern etwas viel Einfacheres. Fast jeder Morgen begann bei ihren Gastgebern auf die gleiche Weise. Noch bevor das eigentliche Frühstück auf den Tisch kam, wurde zunächst ein Glas Wasser getrunken und anschließend ein kleines grünes Getränk serviert. Keine Energy-Drinks, keine stark gezuckerten Säfte und auch keine komplizierten Nahrungsergänzungsmittel. Es wirkte eher wie eine ganz normale Gewohnheit, über die niemand besonders sprach.
Neugierig geworden begann ich anschließend selbst zu recherchieren. Dabei fiel auf, dass in Japan seit Jahrzehnten sogenannte grüne Pflanzendrinks beliebt sind. Besonders bekannt ist Aojiru, ein Getränk aus jungen Gerstenblättern oder anderem grünem Blattgemüse. Es wird dort nicht als Wundermittel angesehen, sondern vielmehr als einfache Ergänzung einer ausgewogenen Ernährung. Viele Menschen trinken es morgens, weil es schnell zubereitet ist und Ballaststoffe sowie verschiedene Vitamine und Mineralstoffe liefert.
Doch eigentlich geht es bei dieser Morgenroutine um viel mehr als nur um ein einziges Getränk. Der gesamte Ablauf unterscheidet sich deutlich von dem, was in vielen westlichen Ländern üblich ist. Während viele Menschen den Tag mit süßen Backwaren oder stark verarbeitetem Frühstück beginnen, setzen viele Japaner traditionell auf leichtere Mahlzeiten mit Gemüse, Reis, Fisch, fermentierten Lebensmitteln und ausreichend Flüssigkeit. Dadurch startet der Körper deutlich ruhiger in den Tag.
Ernährungswissenschaftler weisen seit Jahren darauf hin, dass Ballaststoffe eine wichtige Rolle für die normale Verdauung spielen. Trotzdem erreichen viele Menschen die empfohlenen Mengen nicht einmal annähernd. Gerade morgens werden Ballaststoffe häufig durch Weißbrot, Croissants oder süße Cerealien ersetzt. Genau hier unterscheidet sich die japanische Ernährungsweise oft deutlich.
Interessant ist außerdem, dass sich die morgendliche Routine nicht auf das Essen beschränkt. Viele Menschen nehmen sich bewusst Zeit. Das Frühstück wird langsam gegessen, das Smartphone bleibt häufig beiseite und Hektik wird möglichst vermieden. Auch regelmäßige Bewegung gehört für viele Japaner selbstverständlich zum Alltag. Bereits kurze Spaziergänge oder einige Minuten Gymnastik am Morgen sind dort weit verbreitet.