Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir beginnt jeder Winter gleich: Man steht morgens mit einer Tasse Kaffee am Küchenfenster, schaut hinaus und versucht abzuschätzen, ob der Tag ruhig bleibt oder ob man besser gleich einen Gang zurückschaltet. In den letzten Tagen war dieses Gefühl besonders stark. Die Kälte ist da, sie ist trocken, sie ist still – fast schon unheimlich still. Alles wirkt eingefroren, als hätte jemand die Zeit angehalten. Und genau das ist es, was mich nervös macht. Denn wir hier auf dem Land wissen: Wenn es zu ruhig ist, dann braut sich etwas zusammen.
Deutschland steckt seit Tagen im Dauerfrost. Der Boden ist hart wie Beton, die Dächer tragen eine dünne Reifschicht, und selbst am Mittag will die Sonne die Luft nicht wirklich erwärmen. Man gewöhnt sich schnell daran. Man zieht sich dicker an, lässt das Auto länger warmlaufen und achtet darauf, abends rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Doch genau diese scheinbare Stabilität ist trügerisch. Ich erinnere mich noch gut an ähnliche Winter in meiner Kindheit, als meine Mutter immer sagte: „Wenn der Frost so steht, dann kommt danach der große Schnee.“ Damals habe ich darüber gelacht. Heute höre ich diese Stimme wieder in meinem Kopf.
Ein kräftiges Hoch über Skandinavien hält die kalte Luft fest wie in einem Schraubstock. Ostwind pfeift durch die Straßen, manchmal so scharf, dass er einem die Tränen in die Augen treibt. In manchen Regionen wurden bereits Tiefstwerte von minus 17 Grad gemessen, und auch hier bei uns zeigt das Thermometer morgens Werte, die man sonst nur aus den Nachrichten kennt. Noch ist es trocken. Noch kann man vorsichtig gehen, ohne auszurutschen. Aber der Himmel verrät mehr, als einem lieb ist. Diese hohen, dünnen Wolken, die sich langsam aus dem Westen heranschieben, sind wie ein leises Klopfen an der Tür.
Ich habe gelernt, auf solche Zeichen zu achten. Nicht als Meteorologin, sondern als ganz normale Frau, die ihren Alltag organisiert, einkauft, Kinder zur Schule bringt und darauf hofft, dass alles halbwegs reibungslos läuft. Wenn der Wetterumschwung kommt, dann trifft er nicht nur die Straßenmeistereien oder die Bahn – er trifft uns alle. Die Frage ist nur: Wie hart?
In den letzten Tagen habe ich immer wieder die Wetterberichte verfolgt, mal nebenbei beim Kochen, mal abends, wenn das Haus endlich ruhig war. Und jedes Mal wurde der Ton ernster. Es geht nicht mehr um ein bisschen Schnee, nicht um ein paar rutschige Gehwege. Es geht um ein Ereignis, das selbst erfahrene Wetterexperten vorsichtig formulieren. Ein Tief aus dem Mittelmeerraum schiebt sich heran, trifft auf den eiskalten Boden und bringt genau die Mischung, vor der wir uns alle fürchten: erst Regen, der sofort gefriert, dann massiver Schneefall.
Blitzeis ist etwas, das man nicht unterschätzen darf. Es kommt leise, fast unsichtbar. Die Straße sieht nass aus, harmlos sogar, und im nächsten Moment liegt man auf dem Boden. Ich erinnere mich an einen Winter vor ein paar Jahren, als ich nur schnell den Müll rausbringen wollte. Zwei Schritte, ein falscher Winkel – und ich saß auf dem Hosenboden. Seitdem bin ich vorsichtig. Wenn jetzt von erheblicher Glättegefahr die Rede ist, dann ist das keine Übertreibung.
Doch das Blitzeis ist nur der Anfang. Was danach folgt, lässt selbst mich schlucken, und ich bin einiges gewohnt. Die Wettermodelle sprechen von Schneemengen, die man hier nicht jedes Jahr sieht. Zehn, zwanzig, stellenweise bis zu vierzig Zentimeter Neuschnee innerhalb eines Tages. Das ist kein romantischer Winterzauber mehr, das ist eine echte Herausforderung. Besonders betroffen sollen Regionen von Brandenburg über Sachsen bis hinunter nach Bayern sein. Eine Schneeachse, wie man sie früher genannt hätte.
Ich sehe schon die Bilder vor mir, noch bevor sie im Fernsehen laufen: Autos, die quer stehen, Landstraßen, die gesperrt werden müssen, Züge, die Verspätung haben oder ganz ausfallen. Für viele ist das ein Ärgernis, für manche ein echtes Problem. Wer auf sein Auto angewiesen ist, wer früh zur Arbeit muss oder Angehörige versorgt, der kann sich nicht einfach zurücklehnen und sagen: „Wird schon.“
In der Nacht zum Dienstag soll sich das Ganze weiter ausdehnen. Der Schneesturm wandert nordwärts, erreicht Niedersachsen, zieht bis ins Sauerland. In höheren Lagen rechnen die Experten mit mehreren Zentimetern pro Stunde. Wenn man sich das vor Augen führt, versteht man, warum Räumdienste von Dauereinsätzen sprechen. Da wird nicht einmal kurz geschoben, da wird durchgearbeitet, Tag und Nacht.