Wenn ich heute an meinen Alltag denke, so wie er vor ein paar Jahren war, dann kommt es mir manchmal vor, als würde ich von einer ganz anderen Frau erzählen. Damals war alles irgendwie schwerer: Ich war ständig müde, innerlich unruhig, hatte dauernd das Gefühl, dass mir alles zu viel wird. Ich habe gekocht, geputzt, mich um die Kinder gekümmert, gearbeitet, eingekauft – das Übliche eben. Aber trotzdem hatte ich oft das Gefühl, dass ich eigentlich gar nicht richtig im eigenen Körper wohne. Ich war immer erschöpft, immer hungrig, immer irgendwie unzufrieden. Und jedes Mal, wenn ich in den Spiegel geschaut habe, habe ich mich gefragt, wie es so weit kommen konnte. Heute weiß ich: Es waren nicht die paar Kilos, die ich mehr hatte. Es war die ganze Art, wie ich gegessen und gelebt habe. Ich habe mit Essen Stress bekämpft, mit Essen Langeweile vertrieben, mit Essen meine schlechte Laune beruhigt. Und irgendwann merkte ich, dass ich eigentlich gar nicht mehr gegessen habe, weil ich Hunger hatte, sondern weil ich pausenlos nach irgendeiner Form von Trost gesucht habe.
Das alles änderte sich nicht von einem Tag auf den anderen, nein. Es gab keinen magischen Moment, keinen Arzt, der mir ein Rezept in die Hand gedrückt hat, keinen Ratgeber, der mich erleuchtet hätte. Es war eher eine Reihe von kleinen Momenten, die sich über Wochen und Monate angesammelt haben. Und einer dieser Momente begann an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag, an dem ich wieder einmal völlig ohne Energie auf dem Sofa saß. Die Kinder wollten raus, mein Mann fragte, was es zum Abendessen gibt, und ich fühlte mich, als hätte jemand mir die Batterien aus dem Körper gezogen. Ich griff zum Handy, scrollte wie immer durch Rezepte, Tipps, Ideen – und da erschien ein Erfahrungsbericht über Low-Carb. Das war nicht das erste Mal, dass ich davon hörte. In Deutschland ist Low-Carb ja inzwischen überall. Jeder kennt jemanden, der „Kohlenhydrate reduziert“, jeder probiert mal dies, mal jenes. Aber an diesem Tag hat der Bericht mich irgendwie erreicht. Eine Frau, ungefähr in meinem Alter, erzählte von genau denselben Problemen, die ich hatte. Nicht von Diäten, nicht von einer Zahl auf der Waage, sondern davon, wie schwer sich ihr Alltag anfühlte. Und plötzlich spürte ich ein Ziehen in mir: Was, wenn ich es einfach mal ausprobiere?
Ich fing nicht radikal an. Ich bin kein Mensch, der von heute auf morgen alles verändert. Ich brauche Übergänge. Also begann ich mit kleinen Dingen. Ich ließ abends die Nudeln weg und machte stattdessen Gemüse. Ich hörte auf, zum Kaffee immer ein süßes Stück Gebäck zu essen. Und ich lernte, mich wieder an einfache Lebensmittel zu gewöhnen: Eier, Gemüse, Quark, Käse, Fisch. Am Anfang fühlte es sich komisch an, fast fremd. Ich war es gewohnt, dass eine Mahlzeit erst dann „vollständig“ ist, wenn irgendwo Brot, Reis oder Nudeln dabei sind. Doch je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr verstand ich, dass es nicht darum geht, irgendwem etwas zu beweisen. Es ging darum, meinem Körper etwas zurückzugeben, das ich ihm jahrelang entzogen hatte: Ruhe.
Ja, Ruhe. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber ich habe irgendwann gemerkt, dass mein Körper ständig damit beschäftigt war, Achterbahn zu fahren. Zucker rein, Energie hoch, Zucker verbrannt, Energie runter, Hunger, Snack, wieder hoch… Es war ein ständiges Auf und Ab, und ich glaube wirklich, dass ich dadurch so müde war. Als ich begann, die schnellen Kohlenhydrate zu reduzieren, merkte ich plötzlich, dass ich nach dem Essen nicht mehr diesen Einbruch hatte. Ich saß da und dachte: „Moment, ich könnte jetzt eigentlich etwas machen! Ich könnte spazieren gehen! Ich könnte sogar die Schränke aufräumen!“ Und das war ein Gefühl, das ich fast vergessen hatte.
Was mich im Alltag am meisten unterstützt hat, war die Tatsache, dass Low-Carb eigentlich sehr alltagstauglich ist – zumindest, wenn man einmal drin ist. Frühstück? Ein Omelett mit Kräutern oder Quark mit ein paar Beeren. Mittagessen? Ein Stück Fisch mit Gemüse oder eine schnelle Pfanne. Abendessen? Ein Salat mit Thunfisch oder gebratene Zucchini mit Feta. Ich musste nicht ständig nach komplizierten Rezepten suchen. Ich musste keinen teuren Ersatz kaufen. Ich musste mich nicht einschränken – ich musste nur anders denken. Und ehrlich gesagt, dieses „anders denken“ war befreiend. Ich habe gemerkt, wie viel Essen ich früher einfach automatisch gegessen hatte, ohne überhaupt darüber nachzudenken.
Eine der ersten Veränderungen, die mir wirklich Freude gemacht haben, war das Kochen selbst. Früher war Kochen für mich etwas, das ich erledige, weil es erledigt werden muss. Ich habe Gerichte gekocht, die satt machen, aber keine besondere Bedeutung für mich hatten. Doch plötzlich begann ich, mit Gewürzen zu experimentieren, Kräuter zu verwenden, neue Kombinationen auszuprobieren. Mein Mann war am Anfang skeptisch. Ich erinnere mich noch gut: Als ich ihm zum ersten Mal eine Low-Carb-Pfanne mit Zucchini, Paprika, Hackfleisch und Frischkäse servierte, sah er mich an, als würde ich versuchen, ihm ein Experiment unterzujubeln. Er nahm einen Bissen, dann noch einen, und dann sagte er: „Also… das schmeckt ja richtig gut!“ Und das war der Moment, an dem ich wusste: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.